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Fateless

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Original Titel
Sorstalanság

Kinostart
02.06.2005

Genre
Drama

Erscheinungsjahr
2004

Land
H/D/GB

Verleih
NFP

Regie
Lajos Koltai

Autor
Imre Kertész

Laufzeit
134 Minuten

FSK
ab 12 Jahren

Hauptdarsteller
Marcell Nagy
Áron Dimény
Andras M. Kecskes
József Gyabronka
Endre Harkányi




Holocaust in Großaufnahme

INHALT

Fateless „A-U-SCHWI-TZ-B-IR-KE-NAU“ entziffert der Junge mühsam das Schild des Bahnhofs, in den der Zug gerade eingefahren ist. „Kennt irgend jemand diesen Ort?“ Niemand der in den Viehwaggon gepferchten Menschen kennt ihn. Auch nicht der Mann, der gestern noch der Geographielehrer des Jungen war; schließlich müsse er auch als Geographielehrer nicht jeden kleinen Ort kennen, verteidigt er sich.

1 Aber der Zuschauer des Films „Fateless“, aus dem die Szene stammt, kennt den Ortsnamen und er weiß, wofür er steht: für den rassistischen Massenmord an über 6 Millionen Juden, von Deutschen geplant und bis zum völligen Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ unbeirrt durchgeführt. Der Zuschauer weiß auch, wie die Handlung des Films nun weiter verlaufen muss, dass als nächstes die „Selektion“ an der Rampe folgt. Die damaligen Opfer wussten nicht, dass ihnen historisch einmaliges Grauen bevorstand. Sie haben es erlebt. „Fateless“ zeigt in der zitierten Szene, dass nichts weiter weg sein könnte vom erzwungenen Schicksal der Opfer als unser historisch distanzierter Blick.

Lajos Koltai versucht in seinem Regiedebüt die ganz nahe Darstellung des Holocausts aus der Perspektive eines Opfers. Basierend auf dem „Roman eines Schicksallosen“ des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész, der auch am Drehbuch beteiligt war, versucht er konsequent aus der Sicht des 14-jährigen György (Marcell Nagy) zu erzählen: von dessen Verschleppung aus dem Budapest des Jahres 1944 in die Hölle der Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Zeitz bis zur Befreiung und von seiner Rückkehr nach Budapest. Nein, falsch: Er erzählt nicht von der Hölle der Konzentrationslager. Denn „Das Lager ist keine Hölle“, wie der Überlebende György seiner verständnislosen Umwelt erklären will. „Der Unterschied ist, die Hölle gibt es nicht, das Lager schon.“



KRITIK Fateless

10 Millionen Euro hat die ungarisch-deutsch-englische Koproduktion gekostet, die im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief und in Ungarn ein Kassenerfolg wurde. „Fateless“ ist damit der bisher teuerste ungarische Film. Einiges vom Budget dürfte in die aufwendige digitale Nachbearbeitung des Filmmaterials gegangen sein, außerdem hat man sich für den Soundtrack niemand geringeren als Ennio Morricone geleistet. Beides leider Fehlinvestitionen.

Das „Dritte Reich“ hat in den Filmen, die sich mit ihm auseinander setzen, eine eigene Farbe angenommen. Wenn es nicht in schwarz-weiß erscheint, ist es monochrom, entweder mit Blau- oder mit Braunstich, und dunkel. Das Problem dabei ist, dass, was den Zuschauer doch emotional angreifen sollte, durch seine stereotyp gewordene Verwendung eher sicherer macht. Er weiß: Jetzt befinde ich mich im Genre historischer Film über die Naziverbrechen, so wie ihm ähnliche stereotype Anzeichen zum Beispiel das in gewissem Sinne verwandte Genre Horrorfilm angezeigt hätten. Im Moment des Sehens ist die Distanz zum Geschehen durch visuelle Effekte gering gehalten, danach wegen der leichten Einordnungsmöglichkeit ins Genre aber um so größer.

Die angeblich so subjektive Wahrnehmung des 14-jährigen György, die in der Bildästhetik des Films behauptet wird, ist wenig mehr als die Steigerung des Stereotyps: Alles ist eben noch ein bisschen dunkler, es ist noch ein digitaler Filtereffekt mehr drauf als normalerweise. Der Regisseur verdeutlicht auch hier, dass er sich bewusst ist, was er tut: Einmal berichtet Györgys Erzählerstimme aus dem Off, ihr Tross habe Buchenwald bei schönem Wetter erreicht, während er im Bild durch trostloses Grau-Schwarz zieht. Aber es nützt ja nichts, dass die Regie immer wieder klarmacht, hier handele es sich um die innere Wahrnehmung des armen György, wenn diese viel zu oft an Peter Jacksons Mordor erinnert, durch das sich Sam und Frodo kämpfen, kurz bevor die eklige Riesenspinne Kankra um die Ecke schleicht. Zumal inzwischen jeder die digitale Nachbearbeitung als eine eben solche – und zwar eine in diesem Fall ästhetisch nicht einmal besonders originelle – erkennt.

Noch schlimmer ist Morricones Musik: dicker kann man nicht auftragen, pathetischer nicht mehr werden. An einigen Stellen wird auch die Schönheit im Schrecken gesucht, dann schimmert die Sonne golden auf den monochromen Bildern, der Soundtrack schwelgt und das Sterben gleicht einem Tanz. Das sind die Szenen, in denen sich der Film ästhetisch am weitesten vorwagt. Sie sind gut für einen grellen Kontrast, wirken aber zu gewollt, als dass sie tiefer berühren könnten.

Im gnadenlos zielstrebigen Handlungsverlauf, in Györgys Passionsweg vom diskriminierten, aber nur von leisen Ängsten berührten Kind in Budapest bis zum tiefsten Tiefpunkt direkt vor dem eigentlich sicheren Tod, an dem er kopfüber weggetragen wird und auch das Kamerabild umkippt, nimmt einen die fast vollständige Zerstörung eines Menschen durchaus mit. Aber man spürt den Willen zum Effekt und glaubt dem Film die behauptete personale Perspektive in keinem Augenblick, auch nicht, wenn man György als Off-Stimme hört, erst recht nicht, wenn die Kamera immer wieder Marcell Nagys Gesicht in Großaufnahme zeigt.

Die Menschen um György, sollen Menschen sein, wie er sie in seiner Situation wahrnehmen kann. So eine Wahrnehmung kann verzerrend sein. Aber im Film erscheinen sie als Stereotypen, als unsere Stereotypen: Es sind die ewig sich freundschaftlich zankenden jüdischen Nachbarn. Es ist der gutmütige Polizist, der mit den Kindern spielt, ehe er sie ins KZ liefert, weil das nun mal die Anweisung von oben ist und er ungeduldig auf eine Anweisung gewartet hat. Es ist der böse Grenzbeamte, der sich an den verdurstenden Juden noch bereichern will und sie gleichzeitig als elende jüdische Geschäftemacher beschimpft. Es ist der etwas ältere erfahrene KZ-Häftling, der den 14-jährigen György unter seine Fittiche nimmt. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Figuren füllen genau ihre Rolle aus, nicht mehr.



FAZIT

Fateless Wie gesagt, in Ungarn war der Film ein Erfolg. Er ist sehr deutlich in der Darstellung der Schuld die Ungarn am Mord ungarischer Juden hatten, und er zeigt ebenfalls deutlich, dass aus den Konzentrationslagern zurückgekehrte Juden dort nach Kriegsende keineswegs willkommen waren. Die Romane Kertész’ sollen aus diesen Gründen in Ungarn lange Zeit keineswegs geschätzt gewesen sein. So gesehen ist „Fateless“ ein verdienstvolles Unternehmen. Der Versuch einer filmischen Darstellung des Holocausts aus geringstmöglicher Distanz aber ist gescheitert.



Von Martin Thoma



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