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Paradise Now

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Kinostart
29.09.2005

Genre
Drama

Erscheinungsjahr
2005

Land
D/ NL / I

Verleih
Constantin

Regie
Hany Abu-Assad

Autor
Hany Abu-Assad / Bero Beyer

Laufzeit
91 Minuten

FSK
ab 12 Jahren

Hauptdarsteller
Kais Nashef
Ali Suliman
Lubna Azabal
Amer Hlehel
Hiam Abbas




Ohne Wasserwaage

INHALT

Paradise Now "Paradise Now" erzählt den Nahostkonflikt aus der Perspektive palästinensischer Selbstmordattentäter. Das kann man schon als Provokation bezeichnen. Die Kontroverse über den Film ist vorprogrammiert und beabsichtigt.

Khaled und Saïd heißen die beiden jungen Männer, die auserwählt wurden, als "Vergeltungsmaßnahme" eine "Operation" durchzuführen, bei der es darum geht, möglichst viele Israelis mit in den Tod zu bomben. Einen Selbstmordanschlag eben. Sie selbst wird er, hoffen die Attentäter, sofort direkt ins Paradies bringen, ihre Familien dem Paradies auf Erden ein kleines Stück näher - auf dem weiten Weg, den ihre Heimat, Nablus im Westjordanland, davon noch entfernt ist. Khaled und Saïd sind seit ihrer Kindheit gute Freunde. Khaled ist ein eher sorgloser extrovertierter und fröhlicher Charakter, über dessen Werdegang zum Selbstmordattentäter der Film wenig verrät. Der in einem Flüchtlingslager geborene Saïd ist sein genaues Gegenteil. Er leidet darunter, dass sein Vater, in welcher Weise auch immer, mit den Israelis zusammengearbeitet hat und als Kollaborateur von den eigenen Landsleuten umgebracht wurde. Auch um diesen Makel wieder loszuwerden hat sich Saïd den Mördern seines Vaters als Selbstmordattentäter zur Verfügung gestellt. Nur seine beginnende Liebe zu Suha, einer jungen Frau, der er am Tag vor dem Attentat zum ersten mal begegnet, könnte ihn vielleicht doch noch aufhalten. Suha ist die Tochter eines verehrten "Märtyrers". Sie hat lange Zeit in Frankreich gelebt und dort studiert. Sie ist entsetzt über den alltäglichen Wahnsinn in ihrer Heimat – beispielsweise über den gut gehenden Verkauf von Videos, die die Hinrichtung von "Kollaborateuren" zeigen – und lehnt den gewaltsamen Kampf gegen Israel ab.

Als Saïd und Khaled im ersten Versuch, ihren Selbstmordanschlag durchzuführen, scheitern, bekommen sie eine unverhoffte zweite Chance, ihre Entscheidung zu überdenken.



KRITIK

Paradise Now Der 1961 in Nazareth geborene Regisseur von "Paradise Now" Hany Abu-Assad ("Rana’s Wedding", "Ford Transit") ist Palästinenser mit israelischem Pass. Als Filmstudent wollte er Kämpfer für die PLO werden. Die PLO lehnte dankend ab: Er solle mal besser Filme machen. Das hat er getan und mit "Paradise Now" einen politischen Film über den Nahostkonflikt gedreht, wie man ihn einseitiger aus palästinensischer Sicht kaum machen kann. Gezeigt wird: Das durch Besatzung, israelische Raketenangriffe und relative Armut geprägte Leben einiger Palästinenser. Gezeigt wird: Die glänzende Oberfläche des ihnen verwehrten Wohlstands. Nicht gezeigt werden: Biografien der israelischen "Unterdrücker". Nicht gezeigt werden: Die Opfer von Selbstmordattentaten. Das ist in sich logisch, da sich der Film nun einmal die Aufgabe gestellt hat, die Sicht der Selbstmordattentäter zu beleuchten. Wer seinen Sprengstoffgürtel gezündet hat, muss auch nicht mehr mit ansehen, was die Explosion anrichtet. Der Film endet konsequent in weißer Stille, nicht in Lärm, Schmerz, Chaos und Tod. Konsequenz hin, filmische Logik her, dem Zuschauer erleichtert das die Identifikation mit dem Täter (mag er auch selbst ein Opfer sein) in einem Maß, das für einen politischen Film jenseits von Propaganda nicht zu rechtfertigen ist. Ist "Paradise Now" ein anti-israelischer (antisemitischer?) Propagandafilm. Nein, das ganz sicher auch nicht.

Weder dämonisiert der Film die Israelis noch glorifiziert er die Palästinenser. Unzweideutig aber sind seinen Aussagen: Der Nah-Ost-Konflikt ist ein asymmetrischer Konflikt zwischen reich und arm, mächtig und ohnmächtig. Die Palästinenser sind ein unterdrücktes Volk. Das sind die entscheidenden Gründe für die Taten der Selbstmordattentäter. Der Film ist Produkt eines Konflikts mit verhärteten Fronten, und er wird sie sicherlich nicht aufweichen. Dass er auf der diesjährigen Berlinale mit dem Friedenspreis von Amnesty International ausgezeichnet wurde, ändert daran nichts. Umgekehrt ändert die Kritik an der Grundhaltung des Films nichts daran, dass er Szenen hat, die durchaus bemerkenswert sind, künstlerisch wie politisch.

Paradise Now Abu-Assad versucht seine einseitige Sicht zu Beginn des Films gleich doppelt zu erläutern. In einer beeindruckenden Szene passiert der nicht-palästinensische Zuschauer gleichsam gemeinsam mit der aus Europa zurückgekehrten Suha einen israelischen Grenzposten und in wenigen Minuten ist ihm klar, dass im folgenden von einem Land in andauerndem Ausnahmezustand berichtet werden wird, der die Verhaltensweisen der Menschen zwangsläufig in einer Weise prägen muss, die von außen nicht nachvollziehbar ist. In der anschließenden komödiantischen Szene streiten die in einer Autowerkstatt jobbenden Freunde Saïd und Khaled mit einem Kunden. Der Kunde meint, Saïd habe die Stoßstange seines Autos schief anmontiert. Die Anzeige einer Wasserwaage scheint ihm recht zu geben. Unsinn, meint Khaled und legt die Wasserwaage auf den Boden. Der Boden ist schief. Auf der Metaebene kann man das getrost in etwa so interpretieren: Lieber Zuschauer, ein Film, der auf dem Boden des Nahost-Konflikts ausgewogen daherkäme, wäre in Wahrheit schief.

Die ganz ruhige Art, wie Abu-Assad den Zynismus mit dem die Führer der "Freiheitskämpfer" ihre jungen Selbstmordattentäter verheizen, offen legt, ist die größte Stärke des Films. Diese Führer mit ihrer militärisch-technokratischen Sprache, die sie von Selbstmordanschlägen als Operationen sprechen lässt, passen nicht zum Klischee vom geifernden Hassprediger. Sie sind unheimlicher. Jamal, bei dem Saïds Mutter sich bedankt, dass er sich als ganz selbstloser Freund der Familie so um die Ausbildung ihres Sohnes kümmert, nimmt das Lob lächelnd entgegen und antwortet ihr ungerührt: "Ausbildung bedeutet Zukunft." Allerdings nicht für ihren Sohn, denn mit dem hatte er wenige Minuten zuvor seinen Opfertod abgesprochen. Darin, wie detailliert der Film die Vorbereitung der Attentäter darstellt bis zu der entscheidenden Anweisung, der eine dürfe unter keinen Umständen in Sichtweite sein, wenn sich der andere in die Luft sprengt, ist er herausragend.

Paradise Now Gruselig wird es auch immer dann, wenn Abu-Assad unvermittelt und unkommentiert Nebenfiguren wie einen Taxifahrer oder einen Restaurantgast zu Wort kommen und einen Schwall Hass auf die Juden, den Rest der Welt und noch mal die Juden ausgießen lässt. Kleine alltägliche Ausbrüche, an denen sich niemand stört. Saïd ist nicht so. Er wirkt nicht wie jemand, der andere hasst, eher schon sich selbst und wahrscheinlich ist es das, was ihn gefährlich macht. Der Film ist mit Sympathie für ihn, im Grunde aus seiner Sicht erzählt und dennoch bleibt er unzugänglich. Kais Nashef spielt ihn in seinem ersten abendfüllenden Kinospielfilm mit wenig mehr als einem Gesichtsausdruck, der aber in seiner fast undurchdringlichen Düsternis durchaus beeindruckt. Wie die (schon von ihrer entgegengesetzten Biografie her) viel offenere Suha (Lubna Azabal) versucht, Saïd näherzukommen, ist sensibel und glaubwürdig geschildert.

Auf der anderen Seite ist "Paradise Now" stellenweise erschreckend platt: Wenn es sich der Selbstmordattentäter beim Anblick eines kleinen Kindes doch noch einmal anders überlegt, damit wir alle wissen, dass er in Wahrheit ein gutes Herz hat. Wenn er sich schließlich allein auf einem islamischen Friedhof in die Luft sprengen will und man sich fragt, ob hier die Figur eine Neigung zu plumper Symbolik entwickelt haben sollte oder doch eher der Regisseur. Das nervöse hin und her und wieder zurück Gerenne von Saïd, Khaled und der inzwischen höchst alarmierten Suha nachdem sich den Attentätern die unverhoffte Chance zum Rückzug eröffnet hat, ist ebenfalls nicht gerade großes Kino. Und obwohl der Film zuvor noch den Zynismus der standardisierten Videobekenntnisbotschaften der Selbstmordattentäter bloßgestellt hatte, lässt er Saïd gegen Ende ganz ohne Ironie seine Bekenntnisbotschaft in einem langen Monolog direkt ans Kinopublikum richten. Eine Botschaft, die sich so sehr nicht von den Standardbekenntnissen unterscheidet.



FAZIT

Paradise Now "Paradise Now" ist ein bewusst einseitiger Film, der die Kontroverse sucht. Innerhalb seines grundsätzlich kritikwürdigen Ansatzes, der die Opfer von Selbstmordanschlägen ausblendet, gelingen ihm einige sehr beeindruckende Szenen, die eine Vorstellung von den Voraussetzungen und Methoden für die Rekrutierung junger Männer als Selbstmordattentäter vermitteln.



Von Martin Thoma



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