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Home Page : Movies : Tony Takitani

Tony Takitani

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Kinostart
09.06.2005

Genre
Drama

Erscheinungsjahr
2004

Land
Japan

Verleih
Alamode

Regie
Jun Ichikawa

Autor
Jun Ichikawa

Laufzeit
75 Minuten

Hauptdarsteller
Issey Ogata
Rie Miyazawa
Takahumi Shinohara




Die Genauigkeit der Bilder

INHALT

Tony Takianti „Tony Takitanis wirklicher Name ist wirklich Tony Takitani“, stellt die Erzählerstimme die Hauptfigur des in Locarno mit dem Preis der Jury ausgezeichneten Films vor. Wie der Nachname vermuten lässt, ist Tony Japaner; doch wer hat schon einmal von einem Japaner gehört, dessen Vorname Tony ist? Sein Vater hat ihn nach einem Freund, einem amerikanischen Soldaten, so genannt. Außerdem dachte er sich, es wäre nach Japans Niederlage im zweiten Weltkrieg eine gute Idee seinem Sohn einen Namen in der Sprache derjenigen zu geben, die in den nächsten Jahren das Sagen haben würden. Das war es nicht. Allein der amerikanische Name macht Tony bei vielen verhasst, und der Sohn eines Einzelgängers, dessen Mutter kurz nach seiner Geburt starb, wird von Kindheit an ebenfalls ein Einzelgänger. Tony entwickelt früh künstlerisches Talent. Seine Werke sind von bewundernswerter Genauigkeit, lassen aber jedes Gefühl vermissen. Er studiert an einer Kunsthochschule, bleibt jedoch auch dort Außenseiter. Mit politischen Inhalten in der Kunst und dem Engagement seiner Kommilitonen in der Studentenbewegung kann er nichts anfangen. Nach dem Studium wird er technischer Zeichner und verdient gut dabei. Schließlich heiratet er die fünfzehn Jahre jüngere Eiko. Eiko ist kaufsüchtig und benötigt bald ein ganzes Zimmer nur für ihre Kleider und Schuhe. Der Versuch von ihrer Sucht loszukommen endet tödlich. Kurz darauf stirbt auch sein Vater und Tony muss mit diesen Verlusten fertigwerden.



KRITIK

Tony Takianti Tony Takitani ist die erste Verfilmung einer Erzählung des japanischen Autors Haruki Murakami. Murakami, der fast alle wichtigen japanischen Literaturpreise erhalten hat, ist auch international überaus erfolgreich. Seine wichtigste Auszeichnung dürfte allerdings der Hass sein, der ihm vonseiten der japanischen Nationalisten entgegenschlägt; vorgeblich aus dem „Grund“, dass er einige Jahre in Europa gelebt hat und sich in seinen Erzählstrukturen bei amerikanischen Autoren wie Chandler und Vonnegut bedient, in Wahrheit wohl eher, weil er in der Beschreibung der japanischen Gesellschaft genauer ist, als es diesen Menschen lieb sein kann. Allein schon die Tatsache, dass er fast immer Einzelgänger in den Mittelpunkt der Handlung stellt, provoziert die Konservativen, deren Idealbild der japanischen Gesellschaft – in Abgrenzung zum Westen und seiner Betonung des Individualismus – ein harmonisches Kollektiv darstellt.

Regisseur Jun Ichikawa begann als Werbefilmer, dreht seit 1987 Spielfilme und wurde auf mehreren internationalen Filmfestspielen (unter anderem auch 1995 in Berlin) mit Preisen ausgezeichnet. Die Protagonisten in „Tony Takitani“ zeigt er fast durchgehend durch ein starkes Teleobjektiv (Kamera Taishi Hirokawa). Die Distanz zu den Figuren wird deutlich und doch kommen sie dem Zuschauer sehr nahe. Das entspricht Murakamis Erzählweise, deren knappe scheinbare Distanziertheit auch dadurch, dass der Film nicht auf einen Erzähler verzichtet, erhalten bleibt. Gleichzeitig geht Ichikawa sogar so weit, wie in einem Buch manchmal auch aus der personalen Perspektive zu erzählen. Dann wenden sich die Figuren mitten in der gefilmten Szene berichtend an den Zuschauer. Das erzeugt einen interessanten schillernden Effekt, weil es die Protagonisten näher heran und im selben Moment, indem es den in den Film versunkenen Zuschauer wieder auf einen Ort außerhalb verweist, weiter weg rückt.

Dem jungen Tony sagt sein Kunstlehrer einmal, er solle mehr Farbe benutzen. So farblos wie Tonys gefühlsfreie Kunst sind auch die Bilder des Films; dabei fehlt es ihnen durchaus nicht an Helligkeit, gerade im Hellen ist der Mangel an Farbe besonders schmerzhaft. Tony Takitani selbst würde seine Geschichte so filmen – und hätte zum ersten Mal etwas angefertigt, das mehr wäre als eine technische Zeichnung.

In mehreren Szenen fährt Tony auf dem Fahrrad - schlingernd, als würde der Wille des Fahrrads mindestens ebenso wie sein eigener seinen Kurs bestimmen. Die verkürzende Optik der Telelinse verstärkt den Eindruck. Ein gelungenes Bild für einen typischen Murakami-Protagonisten, der – obwohl Einzelgänger – „doch jederzeit eingebunden in ein unbegreifliches Schicksal“ bleibt, wie die FAZ einmal feststellte.

Als handelnde Figur sieht man Tony Takitani erst in dem Moment, als er Eiko einen Heiratsantrag macht. Er hat sie als seine Angestellte kennengelernt und scheint sich wegen ihrer geschmackvollen Kleidung (dem Ergebnis ihrer Kaufräusche) in sie verliebt zu haben. Ihre Nähe erst lässt ihn seine bisherige Einsamkeit spüren. Nachdem sie sich Bedenkzeit ausgebeten hat, weil sie nicht nur fünfzehn Jahre jünger als er, sondern zudem bereits mit einem Freund zusammen ist, droht er ihr unverhohlen, sich selbst umzubringen, wenn sie ihn nicht erhören sollte. Eiko heiratet ihn. Erst am Ende des Films, nach einer kurzen Szene, in der ihr vorheriger Freund auftaucht, ahnt man warum.

Eikos und Tonys Glück ist eine seltsame Angelegenheit. Das erste, was der Erzähler dazu sagt, ist, nun habe Tony in der ständigen Angst gelebt, er könnte wieder verlassen werden. Das habe sich aber mit der Zeit gelegt. Dann sei es eine glückliche Ehe gewesen. Die Bilder zeigen es etwas anders. Die beiden wirken gedrückt, wenn man sie für sich alleine hantieren sieht – sie sofort in der Rolle der fleißigen Hausfrau. Dann blicken sie zueinander auf und strahlen sich an, wie vor ungläubiger Freude, dass da jemand ist. Eikos Kaufsucht wird nun als Schatten über dem Eheglück in den Mittelpunkt gerückt, aber im Grunde ist klar, dass sie nur Symptom eines tiefer sitzenden Leidens sein kann.

Ohne dass allzu viel über die Protagonisten berichtet würde, fühlt man sich ihnen doch nah und ist weit davon entfernt, sich über ihre Handlungsweisen zu belustigen, auch dort, wo sie unverständlich bleiben und man sie, würde auf andere Weise davon berichtet, vielleicht schnell als eben ein bisschen seltsam abtun würde. Die zwei wichtigsten Nebenfiguren des Films hat Ichikawa mit den gleichen Darstellern besetzt, die auch die Hauptfiguren Tony und Eiko spielen (Issey Ogata, Rie Miyazowa). Er inszeniert den Widerspruch zwischen betontem Individualismus und Austauschbarkeit der Figuren und lässt ihn unaufgelöst, weil er nicht auflösbar ist.

Tonys Vater hat das Ende des Zweiten Weltkriegs in chinesischer Kriegsgefangenschaft verbracht. Am Ende des Films, nach seinem und Eikos Tod und nachdem Tony alle ihre Hinterlassenschaften aus seinem Leben getilgt hat, liegt Tony in dem nun leeren Raum, der zuvor Eiko als Kleiderkammer gedient hatte. Seine Einsamkeit wird ein Bild mit der seines Vaters, der allein in einer Zelle seiner Hinrichtung entgegensieht. Und ebenso nah wie damals sein Vater dem Tod war, ist es nun wohl Tony: Fast unbemerkt erscheint ein hell leuchtender einziger Ausgang, der sich dann fast ebenso unbemerkt doch wieder verschließt.

Tony findet am Ende vielleicht einen anderen Ausweg. Sicher keinen, der der Beginn eines ganz neuen Lebens wäre. Eher vielleicht der Versuch weiterzumachen, ohne sich über die erlittenen Verluste und über sich selbst zu betrügen, darüber, wirklich Tony Takitani zu sein. Man weiß nicht, ob jemand abnehmen wird, aber im Off über dem letzten Bild verhallt ein Telefonklingeln und klingt noch länger nach im Kopf des Zuschauers - wie die Bilder und Figuren dieses Films.



FAZIT

Tony Takianti „Tony Takitani“ ist ein sehr überlegt auf das Wesentliche reduzierter, kleiner, dichter Film mit wenig Handlung und sehr traurig. Wer Murakamis Erzählungen und Romane mag, dem wird auch dieser Film gefallen.



Von Martin Thoma



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