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Radioquote für deutsche Produktionen: Bevormundung oder mehr Vielfalt?

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10.10.2004 | Von Dirk Bösel

Am 1. Oktober schloss die Popkomm 2004, die Messe der Musik- und Entertainment-Industrie, ihre Pforten und konnte 15.400 Fachbesucher und 663 Aussteller verbuchen.
Nicht nur der Veranstaltungsort Berlin war in diesem Jahr neu, auch das Kernthema der letzten beiden Jahre rückte 2004 etwas aus dem Fokus. In Kölner Tagen beklagte die Musikindustrie zuletzt vor allem ihre rückläufigen Verkaufszahlen. Es wurden publikumswirksame Verlustprognosen anhand des CD-Rohlingsverkaufs präsentiert, die jeden Buchhalter ins Schwitzen bringen würden. Angereichert mit Drohungen gegenüber der potentiellen Kundschaft, welche die neuen technischen Möglichkeiten digitaler Reproduktion und weltumspannender Datennetze zweifelsohne nutzt, wurde über das Verhältnis von Ursache und Wirkung kaum nachgedacht.

Anders in diesem Jahr! Publikumsthema war die Forderung einer "Radioquote" für deutsche Produktionen. Bei weitem kein neues Thema, aber endlich eine Kehrtwende zu einer kontroversen aber sachlichen Diskussion über mehr Vielfalt und Qualität in unserer Musiklandschaft.

Adressat der Forderungen der deutschen Musikwirtschaft, darunter die deutschen Phonoverbände, der deutsche Musikverlegerverband, GEMA, GVL und eine Reihe deutscher Künstler, sind die öffentlich-rechtlichen Sender.
Die Kritik: Sie orientieren sich zunehmend am Erfolg privater "Hitsender". Deren Erfolgsrezept stützt sich wiederum nicht selten auf Mainstream bis zum Abwinken und Rotationen mit geringer Titelauswahl. Den gesetzlichen Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sehen die Befürworter der "Radioquote" dadurch stark gefährdet, weil Musik in ihrer ganzen Bandbreite zu wenig repräsentiert wird. Das heisst, auch musikalischer Nachwuchs und Titel in deutscher Sprache finden zu wenig Berücksichtigug. Statt Impulse zu geben und Trends anzubieten wird lieber Bewährtes gedudelt. Kurz: Radio produziert keine Hits mehr.

Fünfzig zu Fünfzig

In einer Studie des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft wurde der Neuheitenanteil der 100 reichweitenstärksten Radioprogramme untersucht. Danach liegt der durchschnittliche Neuheitenanteil in den öffentlich-rechtliche Programmen bei 14,3%, bei den Privaten sind es 17,1%. Deutschsprachige Neuheiten lagen bei 1,2% in den öffenlich-rechtlichen und 0,6% in den privaten Sendern.

"50:50" lautet daher das Schlagwort: 50% aller gesendeten Titel sollen Neuheiten sein, davon wiederum 50% deutschsprachige Titel.
Wenn die Rechnung aufgeht, sorgt eine höhere Präsenz deutscher Newcomer für stärke Nachwuchsförderung und Investitionsbereitschaft, was letztendlich die Kreativität fördert und mehr Abwechslung in unsere Musiklandschaft bringt. Das wirkt sich auch positiv auf die Akzeptanz der Radiosender aus, sind sich die Befürwörter sicher.

Vorbild der "Radioquote" ist die 1994 eingeführte nationale Quotenregelung in Frankreich. Seit 1995 haben sich dort sowohl die nationalen Neuveröffentlichungen, als auch die Investitionen in nationale Produktionen verdoppelt.
Warum sollte etwas, das bei den stolzen und zentralistischen Franzosen wirkt, nicht auch beim Teutonen gelingen?

Natürlich konzentriert sich die Diskussion unterschwellig auf den umsatzstarken Rock/Pop-Bereich. Eine pauschale Schelte für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wäre angesichts des breiten Angebots an Schlager-, Kultur-, Klassik- und Nachrichtensendern sicher zu hart.
Kritiker vermuten hinter der Aktion dann auch eher den Versuch deutscher Labels, den eigenen Umsatz anzukurbeln. Schließlich spült jeder gespielte Titel GEMA-Abgaben in ihre Kassen.
Ohnehin bleibt beim Thema "deutsche Produktion" ein schaler Nachgeschmack aus der jüngsten Vergangenheit: Schließlich zählen auch "Deutschland sucht den Superstar", "Popstars" & Co dazu. Ausgerechnet Produktionen, die zum Synomym für Mainstream und Instant-Stars geworden sind. Deutsche Texte oder nachhaltige Nachwuchsförderung standen hier nicht zur Debatte.
Mit etwas Abstand betrachtet stellt sich die Frage: Ist ein derartiger Eingriff in den freien Markt überhaupt zu rechtfertigen? Lieschen Müller wird das weniger interessieren. Für sie ist es schlichtweg eine Bevormundung. Sie mag englisches Chartgedudel und ist sich sicher: "Dann höre ich halt die Privaten".

So lässt es sich vortrefflich streiten: Ist die "Radioquote" nun eine Bevormundung "des Volkes Stimme", ein guter Ansatz für mehr nachhaltige Nachwuchsförderung und musikalische Vielfalt in Deutschland oder eher eine Instrumentalisierung der öffentich-rechtlichen Sender, um etwas Geld in die Kassen der Musikindustrie zu spülen?
Probieren geht über Studieren. Vielleicht wagt der eine oder andere Sender den Selbstversuch. Bei freien Radios kommen vergleichbare Sendekonzepte schließlich auch an. Aber bitte freiwillig!

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KOMMENTARE / DISKUSSION
Re: Radioquote für deutsche Produktionen: Bevormundung oder mehr Vielfalt? (hagibaerle, 29.11.04 12:15)

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