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Fantasy Filmfest 2006

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21.08.2006 | Von TK

SECUESTRO EXPRESS und BYSTANDERS
Die harte Realität auf dem Fantasy Filmfest

Fantasy Filmfest 2006 Das Fantasy Filmfest feiert Geburtstag. Seit zwanzig Jahren ist es das jährliche Event für Freunde von "Science Fiction, Horror und Thriller". Auch dieses Jahr fand das Festival nacheinander in acht deutschen Städten statt, wobei Berlin erneut den Abschluss bilden durfte. Zwar liegt der Schwerpunkt des "FFF" auch heute noch auf dem Thema Horror, von Jahr zu Jahr finden sich im Programm aber immer häufiger Independent-Perlen aus aller Welt, die nicht nur für Fans von stumpfem Unterhaltungs-Geschlachte von Interesse sind. So blätterte man sich auch in diesem Jahr durch das dicke Programmheft, um diese Perlen herauszufischen, ignorierte alles, was nach reinem Gemetzel aussah und hoffte auf ein wenig echte Festival-Stimmung, wo die nächste Berlinale doch noch ein halbes Jahr entfernt liegt.

Dass der Hauptteil des FFF-Stammpublikums den Unterhaltungsfilm bevorzugt, ist bei der Berliner Premiere von "Secuestro Express" deutlich spürbar. Der venezolanische Film erzählt anhand einer brutalen Entführung von der harten Realität in der Hauptstadt Caracás. Trotz der beängstigenden Authentizität, die Regisseur Jonathan Jakubowicz seinem Publikum zumutet, lachen die Zuschauer an diversen Stellen – möglicherweise müssen sie sich an den Einzug des Alltags-Horrors in ihr Festival erst gewöhnen. Der Film nämlich ist eher weniger zum Lachen, verdient aber umso mehr ein breiteres Publikum als diese eine Vorstellung, kurz vor Mitternacht auf einem Festival.

Secuestro Express Mía Maestro (bekannt aus der TV-Serie "Alias") spielt Carla, eine Arzt-Tochter, die zusammen mit ihrem Verlobten von einer Jugend-Gang entführt wird. Eine Einblendung gleich zu Anfang verrät, dass diese Entführungen zum Alltag einer jeden lateinamerikanischen Großstadt gehören und dieser Film nur eine Geschichte von vielen erzählen will. Schnell wird deutlich, dass "Secuestro Express" rein gar nichts mit "Fantasy" zu tun hat, vielmehr einer der ehrlichsten Produktionen ist, die in letzter Zeit in einem deutschen Kino gelaufen sind. Er besticht durch eine atmosphärische Dichte, die für den Zuschauer nur schwer zu ertragen ist.

Diese Atmosphäre verdankt Jakubowicz vor allem seinen Schauspielern. Mía Maestro geht in diesem Film durch die Hölle und reißt das Publikum mit sich, die Darsteller der Gang sind Jungs von der Straße, die das Leben, von dem der Film erzählt, selbst gelebt haben. Leider ist das nicht die einzige Parallele zu Fernando Meirelles’ "City of God" – beim Schnitt zitiert Jakubowicz etwas zu deutlich das brasilianische Slum-Drama und verliert sich das ein oder andere Male in unnötigen Kamera-Spielereien. Ein wenig mehr Vertrauen in die großartigen Darsteller, die für eine fast dokumentarische Atmosphäre sorgen, hätte dem Film jedenfalls gut getan.

Trotz dieses Mankos ist "Secuestro Express" eine Entdeckung. Jakubowicz macht kein politisches Statement, was nicht einfach ist in einem Land, das von einer populistischen Regierung regiert und von den Medien einer noch viel populistischeren Opposition beherrscht wird. Ein Mitglied der sozialistischen Regierung verurteilte den Film aufs Schärfste, obwohl der Regisseur selbst – trotz der Verweigerung einer klaren Parteinahme – sein Werk eher als Unterstützung der aktuellen Politik sieht. Das beeindruckende an "Secuestro Express" ist tatsächlich seine Ehrlichkeit: Jakubowicz verweigert eine simple Wertung der Figuren, er verurteilt die Gangmitglieder nicht, er nimmt sie auch nicht in Schutz. Er versucht sich auch nicht erst an einer soziologischen Erklärung, schon die erste Einstellung des Films erklärt fast alles: Die Stadt aus der Vogelperspektive, die Hochhäuser im Zentrum von Caracás gehen direkt in die Slum-Viertel über, die sich die Hänge entlang ziehen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass Gewalt hier an der Tagesordnung ist.

Bystanders Während "Secuestro Express" von den Problemen eines der ärmsten Länder der Welt erzählt, geht es im koreanischen Beitrag "Bystanders" um ein nicht weniger reales Problem in einem sogenannten "Schwellenland": Die Leistungsgesellschaft Asiens und der aus ihr resultierende Druck auf Schwächere. Der Film beginnt als klassische Detective-Story: Zwei Cops, ein zynisches Power-Girl und ihr etwas unreifer Partner, müssen sich mit einem Serienmörder befassen, der Oberstufen-Schüler umbringt und Ausschnitte aus seinem Tagebuch in den Mägen der Opfer hinterlässt. Nach einer ausgieben Untersuchung mit Schriftproben in der Schule, stellt sich bald heraus: Der Schüler, zu dem die Schrift des Mörders passt, ist bereits einen Monat vor den Morden gestorben, sein Tagebuch hat er im Voraus geschrieben.

Das liest sich schon mehr nach etwas "Mystery", nach einem echten Fantasy-Filmfest-Beitrag, aber auch hier ist schon bald deutlich: Auch in "Bystanders" geschieht nichts Übernatürliches, die beiden Detectives decken vielmehr den alltäglichen Schul-Horror auf, der mit dem klassischen "Mobbing" nur noch wenig zu tun hat. Durch die sehr geschickt (wenn auch nicht immer konsequent) eingebauten Rückblenden, wird auch der Zuschauer immer tiefer in das alltägliche Grauen einer koreanischen Schule hineingezogen, erfährt erst nach und nach den wahren Hintergrund der Mordserie und wird immer wieder überrascht und schockiert.

"Bystanders" überzeugt auf der ganzen Linie. Regissuer Kyung-soo Lim lässt den Fluss seiner harten Geschichte nie abreißen und sorgt für bewegende Momente. Die darstellerischen Leistungen sind auch hier wieder vom Feinsten und Eun-Kyung Shin stellt als weiblicher Detective vor allem ihr komisches Talent unter Beweis. "Bystanders" ist ein äußerst intelligenter Film, der unterhält, bewegt, herausfordert und dabei großartig aussieht. Nur einer von sehr vielen asiatischen Beiträgen auf dem diesjährigen Festival, aber mit Sicherheit einer der interessantesten.

"Secuestro Express" und "Bystanders", Venezuela und Südkorea – zwei Filme, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch eins gemein haben: Sie finden eine angemessene filmische Form für den alltäglichen "Horror" in ihren Ländern und haben es damit in das Programm des "Fantasy Filmfests" geschafft. Währenddessen tollt Fantasy-Held Superman in jedem größeren Kino herum. Ob der sich schon einmal in Venezuela hat blicken lassen, ist übrigens nicht bekannt.

Till Kadritzke

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