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Berlinale-Rückblick 2007

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19.02.2007 | Von Till Kadritzke | Seite 1 von 2

Die Enttäuschten

Berlinale 2007 Und das soll es nun schon wieder gewesen sein? An den Ticket-Countern sind die Jalousien runtergelassen, auf der Großleinwand vor dem Festival-Palast laufen die ersten Rückblicke und die Frage nach den Gewinnern wurde in der Gala am Samstagabend auch beantwortet. Ein weiteres Berliner Filmfestival ist zuende und die Wartezeit auf den nächsten Februar beginnt. Wobei: Ohne diese Wartezeit wäre ja auch die Berlinale nur halb so schön. Und bitter nötig hat man die Pause ebenfalls. Denn auch in diesem Jahr sieht man sich am Ende die gesammelten Tickets an und versucht verzweifelt, die gesehenen Filme auseinander zu halten. Oft keine leichte Aufgabe. Nächstes Jahr einfach weniger ansehen? Keine Alternative, wozu heißt die Berlinale denn Film-Festival?



DER WETTBEWERB

In so ziemlich jedem Feuilleton ist traditionell nach einer Berlinale zu lesen: Der Wettbewerb fiel qualitativ mehr als schwach aus. Und dem muss man in diesem Jahr wohl leider beipflichten. Tatsächlich gab es keinen Film im offiziellen Wettbewerb, der wirklich begeistern konnte, die Beiträge waren oft brav, vorhersehbar und in einigen Fällen noch nicht einmal gutes Kino. Zum Beispiel Gregory Navas „Bordertown“. Der Film behandelt das Problem der Frauenmorde in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, verlässt sich dabei auf die Rezepte vorhersehbarer Hollywood-Dramaturgie und Action-Movies. Natürlich erreicht „Bordertown“ damit (und mit der Starpower von Jennifer Lopez und Antonio Banderas) eine größere Zielgruppe und kann im besten Fall sein Publikum auf ein durchaus wichtiges Problem aufmerksam machen. Aber muss das auf einer Berlinale passieren, die sich eben nicht nur politische Theme um derer selbst Willen auf die Fahnen geschrieben hat, sondern als eines der wichtigsten Festivals der Welt eigentlich auch um eine gewisse filmische Qualität bemüht sein müsste?

Irina Palm Mit einer ähnlich vorhersehbaren Dramaturgie wartete übrigens auch der vom Publikum so gefeierte „Irina Palm“ mit Marianne Faithful auf. Die stehenden Ovationen nach der Premiere galten wohl mehr der sehr guten Hauptdarstellerin und den teilweise tatsächlich sehr witzigen Szenen rund um Irinas Job als Männer-Befriedigerin. Vielen Kritikern und auch der internationalen Jury war das aber zu wenig und so ging „Irina Palm“ bei der Preisverleihung leer aus. Den goldenen Bären heimste dafür der chinesische Film „Tuyas Wedding“ ein, den so richtig eigentlich niemand auf der Rechnung hatte. Der zweite Preis, der sogenannte „Große Preis der Jury“, ging an den argentinischen Beitrag „El Otro“. Ariel Rotters zweite Regiearbeit ist ein leiser und schöner Film über einen Mann, der mit dem Gedanken spielt eine andere Identität anzunehmen und dabei seine Grenzen auslotet. Da der Film durch seine äußerst langsame Machart und der scheinbar unspektakulären Handlung nur wenig massentauglich ist, dürfte er es allerdings kaum ins reguläre Kinoprogramm schaffen. Die Jury rund um Regisseur und Scorsese-Drehbuchautor Paul Schrader bewiss also durchaus Feingefühl bei der Auswahl der Bären-Sieger. Schade nur, dass die beiden stimmigsten Wettbewerbs-Beiträge – André Téchinés AIDS-Drama „Les Témoins“ und der brasilianische Film „Das Jahr, als meine Eltern in Urlaub fuhren“ – leer ausgingen.



DAS PANORAMA

Anders als im Wettbewerb, gab es in der Panorama-Sektion einige Perlen zu entdecken. Die Premieren fanden im größten Kinosaal des CinemaxX und im ehrwürdigen Zoo Palast statt. Im CinemaxX gab es den Eröffnungs-Film des Panorama zu sehen. „The Tracey Fragments“ stellt unsere Sehgewohnheiten in Frage. Fast die gesamte Laufzeit spielt sich die Handlung in mehreren Fenstern ab, die sich auf der Leinwand öffnen und wieder schließen. So sieht man oft dieselbe Szene gleichzeitig aus mehreren Perspektiven. Mit dieses anfangs etwas anstrengenden Puzzle ist dem Regisseur Bruce McDonald ein filmisch durchaus interessantes Experiment gelungen, überlässt er doch dem Zuschauer selbst den Schnitt des Films, lässt unsere Augen von der Totale auf die Nahaufnahme wandern und uns an der Entstehung des Films selbst teilhaben. Abgesehen von dieser neuen Technik bietet der Film eine nur mäßige Handlung, dafür aber eine hervorragenden Hauptdarstellerin: Ellen Page.

Das geheime Leben der Worte Im Zoo Palast war dann auch die Prominenz zu Gast. Hier stellte die großartige Schauspielerin Julie Delpy mit „2 Days in Paris“ ihre erste Regiearbeit vor, eine sehr an Woody-Allen-Filme angelehnte und herrlich lustige Komödie um ein französisch-amerikanischen Pärchen, das ein Wochenende in Paris verbringt. Und noch einen Debüt-Film einer Schauspielerin gab es hier zu sehen: Sarah Polley, vor allem bekannt aus den Filmen „Mein Leben ohne mich“ und „Das geheime Leben der Worte“, stellte das bewegende Alzheimer-Drama „Away From Her“ vor. Hauptrolle: Die noch immer unglaubliche Julie Christie, die hier eine weitere eindrucksvolle Darstellung abliefert, leider aber nicht selbst in Berlin anwesend war.



INTERNATIONALES FORUM

Das Forum bietet jedes Jahr mindestens eine Überraschung, mindestens einen Film, über den man im Vorfeld wenig weiß und der sich als kleines Meisterwerk entpuppt. Dieses Jahr gehört „Shotgun Stories“ von Jeff Nichols in diese Sparte. Es geht um zwei verfeindete Familien, deren jüngste Generation sich bald in einem Streit wiederfindet, für den es scheinbar keine Lösung gibt. Nichols gelingt es mit überragenden Cinemascope-Bildern, auf das Nötigste reduzierten und dadurch authentischen Dialogen und starken Darstellern, eine beeindruckende Atmosphäre zu schaffen. Er kommt dabei fast ganz ohne drastische Gewalt-Darstellung aus, der bevorstehende Schrecken schöpft sich aus der bedrohlichen Grundstimmung, die Nichols über den ganzen Film halten kann.


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