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Die 79. Academy Awards

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27.02.2007 | Von Till Kadritzke



Ach Hollywood

Departed "Taxi Driver" (1976), "Wie ein wilder Stier" (1980), "GoodFellas" (1990) oder "Casino" (1995). Es ist schon äußerst verwunderlich, dass der große Regisseur Martin Scorsese für keinen seiner Meisterwerke einen Regie-Oscar erhalten hat. Erst jetzt, im Februar 2007, ist ihm bei der Verleihung der 79. Academy Awards am vergangenen Sonntag diese Ehre zuteil geworden. Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola – drei alte Weggefährten Scorseses – überreichten dem nur 1,63 großen Regisseur die verdiente Trophäe. Gewonnen hat er sie für "The Departed", einem waschechten Gangster-Film um zwei Maulwürfe, die sich gegenseitig zu entlarven suchen. Für viele hinterlässt diese Entscheidung einen faden Beigeschmack. Sie sei nicht konsequent, heißt es, da "Departed" doch lange nicht an Scorseses frühere Filme herankommt. Na und? Sicherlich, "Departed" ist nicht Scorseses bester Film, aber vereint doch sehr viele Elemente aus dem Werk dieses einzigartigen Regisseurs und ist seinen Meisterstücken ähnlicher als zuletzt "Gangs of New York" und "Aviator", für die Scorsese ebenfalls nominiert war, aber eben leer ausging.

Der Sieg Scorseses mit den verdienten Standing Ovations, die es normalerweise nur für denjenigen gibt, der den Oscar fürs Lebenswerk überreicht bekommt, war eines der raren Highlights der diesjährigen Awards-Show. Ansonsten war die Übertragung eine relativ zähe Angelegenheit. Moderatorin Ellen DeGeneres führte souverän und teilweise äußerst gewitzt durch den Abend, ließ aber die politische Schärfe einiger ihrer Vorgänger vermissen. Ansonsten muss man vor allem die Verantwortlichen für den Showablauf kritisieren, denn hier hat sich einiges zum Schlechteren entwickelt. Ganz abgesehen von den wohl noch häufigeren Werbeunterbrechungen, gab es einige unnötig lange Showeinlagen und auch die Zahl der Clip-Shows aus früheren Filmen war höher als die der letzten Jahre.

Die Zeit dafür wurde leider an falscher Stelle gespart: So sah man bei den Darsteller-Kategorien höchstens einige Sekunden aus den nominierten Filmen – zu wenig, um auch nur einen kleinen Eindruck von den Leistungen zu bekommen. Und auch die Dankesreden wurden zwar nicht ganz so penetrant, aber dafür noch früher vom Orchester unterbrochen. Apropos Orchester: Warum muss ausgerechnet die Schmonzetten-Expertin Celine Dion einem der größten Filmkomponisten aller Zeiten ein Ständchen singen? Ennio Morricone, der bei der Verleihung einen Oscar für sein Lebenswerk erhielt, hätte doch wahrlich Besseres verdient, als eine seiner besten Melodien ("Once Upon a Time in America") von Mrs. Dion zerstören zu lassen. Sonderlich erfreut wirkte Signore Morricone dann auch nicht.

Little Miss Sunshine Was diese Aspekte angeht, bleibt also zu hoffen, dass die Showrunner das Konzept für das nächste Jahr noch einmal überdenken. Ansonsten hielt man sich mit Kaffee oder Cola wach und wartete auf die verkündeten Entscheidungen. Und hier gab es tatsächlich mehr Überraschungen als im Vorfeld erwartet. Als hundertprozentig sicher galten die Oscars für Scorsese, für die Queen-Darstellerin Helen Mirren und für Forest Whitaker, der im "Last King of Scotland" den ugandischen Diktator Idi Amin spielt. Der Trend zur Auszeichnung von Schauspielern, die lebende oder historische Figuren spielen setzt sich nach den Oscars für Philip Seymour Hoffman (Truman Capote) oder Jamie Foxx (Ray Charles) also fort. Auch der Sieg für die Sängerin Jennifer Hudson ("Dreamgirls") in der Kategorie Beste Nebendarstellerin war erwartet worden, bei den männlichen Nebendarstellern war es dann jedoch Zeit für die erste Überraschung. Denn nicht Hudsons favorisierter "Dreamgirls"-Kollege Eddie Murphy machte hier das Rennen, sondern der mittlerweile 72jährige Alan Arkin, der in der hinreißenden Komödie "Little Miss Sunshine" einen fluchenden Großvater spielt.

Pans Labyrinth Für die zweite Überraschung des Abends sorgte dann ein Deutscher: Nämlich Florian Henckel von Donnersmarck, der mit seinem Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" den Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film mit nach Hause nahm. Für viele eine reichlich unverständliche Entscheidung, ist doch der mexikanische Beitrag "Pan’s Labyrinth", der im Vorfeld auch als Favorit gehandelt wurde, der weitaus originellere, komplexere und würdigere Film. Hier bewies die Academy wohl mal wieder, dass sie mit der guten alten Hollywood-Dramaturgie samt Liebesgeschichte und Happy End noch immer mehr anfangen kann als mit dem Aufbrechen solcher Strukturen. Dem großartigen Regisseur von "Pan’s Labyrinth" Guillermo Del Toro blieb somit ein Auftritt versagt, dafür durften drei seiner Team-Mitglieder eine Dankesrede halten. "Pan’s Labyrinth" gewann nämlich die Kategorien Beste Maske, Beste Austattung und Beste Kamera und damit die zweitmeisten Oscars in diesem Jahr.

Richtig spannend wurde es dann zum Schluss. Zwar waren die beiden Hauptdarsteller-Kategorien auch in diesem Jahr mal wieder eher vorhersehbar gewesen, beim wichtigsten Oscar für den Besten Film war dafür alles offen. Drei von den fünf Nominierten wurden echte Chancen eingeräumt: Dem großartigen Episoden-Drama "Babel" des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu, Martin Scorseses bereits erwähntem "Departed" und der Komödie "Little Miss Sunshine", von der viele einen Überraschungscoup erwarteten. Vor dieser größten Entscheidung hatte im Laufe des Abends "Babel" einen Oscar für die Beste Musik gewonnen, "Little Miss Sunshine" – neben dem Preis für Alan Arkin – einen für das Beste Originaldrehbuch und "Departed" für die Beste Regie, den Besten Schnitt und das Beste Adaptierte Drehbuch. Und auch in diesem Jahr bewahrheitete sich die Bauernregel, dass die Kategorien Drehbuch und Schnitt häufig ein Indikator für den Sieg beim Besten Film sind. "Departed" gewann auch hier – eine Entscheidung, die man durchaus mit Skepsis betrachten sollte.

Letters from Iwo Jima Dass "Departed" ein großartiger Thriller ist, daran besteht zwar kein Zweifel. Aber in einem Jahr, in dem mit "Babel" und auch mit Clint Eastwoods Kriegsfilm "Letters from Iwo Jima" gleich zwei Filme im Rennen waren, die etwas vollkommen Neues geschaffen haben, hinterlässt der Preis für ein reines Genre-Stück doch einen Beigeschmack. So verdient der Regie-Preis für Martin Scorsese auch ist, so sehr hätte man sich bei der letzten Entscheidung gewünscht, dass die Academy den Mut hat, den Mexikaner Iñárritu auszuzeichnen. Somit muss sich "Babel" am Ende mit einem Oscar für die großartige Filmmusik von Gustavo Santaolalla begnügen. Und auch von den vielen Briten, die nominiert waren, darf am Ende nur Helen Mirren einen Oscar mit auf die Insel nehmen. So international, wie es nach den Nominierungen den Anschein hatte, ist Hollywood also doch nicht.

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